Thomas' Idee von perfekten Ascona

Wie viele Tuning-Geschichten beginnt auch unser Beispiel auf dem Land. Hier wurden in den Neunzigern die wirklich großen Geschichten geschrieben.

Es ist Sommer 1994, Thomas Nastke ist 18 Jahre alt und sucht einen fahrbaren Untersatz, damit die Yamaha RD350 in der Garage überwintern kann. Trotz Mini-Budget wird er in den Kleinanzeigen fündig. Denn: Hauptsache fahrbereit! Zur Auswahl stehen ein Polo 1 mit 40 PS und fast frischem TÜV – und ein Ascona B, 90 PS, zweitürig, mit 3 Monaten Rest-TÜV.

Hätte nun die Vernunft über das Herz gesiegt, wäre die Geschichte hier zu Ende. Doch es wurde natürlich, trotz Flehen der Mutter, der Ascona. Blind gekauft währte das Glück leider nicht lange. Häufig kam es vor, dass gemeinschaftlich frisierte Hecktriebler im Drift aufs Dach gelegt oder beim Beschleunigungsrennen in geschlossenen Ortschaften um Ampelanlagen gewickelt wurden.

So auch bei Thomas: Noch vor dem norddeutschen Wintereinbruch parkte er den Opel Mitte Dezember kopfüber im Wald. Nun verbrachte er die kalte Jahreszeit doch im Vernunftsauto – doch der Hecktriebler mit dem Blitz hatte es ihm angetan.

Die Keimzelle: "edelschmiede emern"

Es wurde also sofort Ersatz gesucht, der Unfallwagen ausgeschlachtet und ein weiteres Schlachtauto mit diversen Tuningteilen und 2.0-E-Motor angeschafft. Das Moped wurde verkauft. Wer braucht schon sowas, so lange es Ascona B gibt?!

Seit diesem Sommer 1994 gab es keinen einzigen Tag mehr in Thomas’ Leben ohne einen B-Ascona. Schnell waren Mitstreiter gefunden, und bereits ein Jahr später konnte in einer alten Werkhalle die Gang mit dem schillernden Namen edelschmiede emern gegründet werden.

Auf Lack wurde durchweg verzichtet, mattschwarze Schmiedeeisenfarbe und gewagte Drifts waren die Erkennungszeichen der Opelfahrer. Doch mit passender Ausstattung und genügend Platz wurden die Hecktriebler bald immer schneller – und der Anspruch immer höher. Irgendwann war die Zeit der Improvisationen vorbei: Der Wunsch nach dem perfekten Ascona B war geboren.

Ein Heft, ein Ziel

Die „Opel Flash“ gab 1996 die Initialzündung. Als dort ein Ascona B 3.0i-24V vorgestellt wurde, war es um Thomas geschehen! Es sollten unbedingt 400er Felgen werden, in der 8-Zoll-Variante, Einzelradaufhängung für die Hinterachse und andere „Delikatessen“.

Der Blick ins Portemonnaie eröffnete leider, wie immer, gähnende Leere. Trotzdem wurden alle Hühner aufgescheucht, um ein entsprechendes Aggregat und auch eine Karosserie zu besorgen. Ein Zweitürer mit Stahlschiebedach sollte es werden. Alle anderen Zutaten lassen sich ja selber ergänzen.

Nachdem diverse zum Verkauf stehende Asconas in ganz Norddeutschland inspiziert wurden, gab es schließlich eine Annonce für einen Ascona – zwar ohne Stahlschiebedach, dafür aber mit erst 43.000 gelaufenen Kilometern und „von Oma“. Der Ascona war aus erster Hand und sogar hübsch. Den musste Thomas einfach kaufen! Für 850 DM konnte der pistaziengrüne 16N Automatik Berlina nach Emern überführt werden.

Vom Berlina zum Biest

Kern des Vorhabens war eine Leistung am oberen Ende. Und zwar deutlich. Damit war klar, dass nicht nur Omas 1,6N-Motor samt Automat ausziehen, sondern generell der Aktionsbereich der Vierzylinder-Motorenpalette verlassen werden musste.

Ein Sechszylinder-Swap war ja von Anfang an der Plan. Aber auch hier war der Anspruch hoch. Zufrieden war Thomas erst, als er eines der berühmten 4,0-Liter-24V-Irmscher-Triebwerke mit standesgemäßen 272 PS ergattern konnte – jene Triebwerke, die biederen Omegas und Senatoren ab 1990 zu einem salonfähigen linken Haken verholfen hatten.

Radikalumbau mit Konsequenz

Vom Irmscher-Senator verwendete Thomas auch die Hinterachse, um seinen Ascona konsequenterweise auf hintere Einzelradaufhängung umzubauen – und so nicht nur die Beschleunigung, sondern auch gleich die Kurvengeschwindigkeiten auf ein ganz neues Level zu bringen.

Was sich hier so einfach schreiben lässt, stellte in der Praxis einen tiefgreifenden Einschnitt in die Substanz des Fahrzeugs dar. Ab der B-Säule wurde bis zum Heckblech die komplette Bodengruppe eines Senators angepasst und eingeschweißt. Mit Richtsätzen – vorne für den Ascona, hinten für den Senator – wurde sichergestellt, dass sich der Wagen später nicht krumm wie ein Dackel, sondern elegant wie eine Raubkatze bewegen würde.

Um das Level während der Transplantation durchgehend oben zu halten, wurden der Zugänglichkeit halber zeitweise Seitenwände, Heckblech und Radhäuser entfernt. Dann folgten unendliche Tage und Nächte, um alle Übergänge und Öffnungen wieder zu verschließen.

Entsprechend des Achsumbaus zogen auch 5-Loch-Radnaben ein, welche später die unglaublich schönen Ronal-Felgen in 8x15 vom Ascona 400 aufnehmen durften. In Kombination mit fehlenden Stoßstangen und einer markanten Dieselhaube sollten sie Thomas’ Ascona später eine ganz eigene Optik verleihen.

Zwölf Jahre zwischen Hoffnung und Red Bull

Mittlerweile sind wir in den 2000er Jahren und der Euro-Zeit angekommen, Geld ist aber immer noch Mangelware. Die Finanzierung ging zwar mit wenig verständnisvollen Eltern, aber mittlerweile mit sehr verständnisvoller Freundin vonstatten – irgendwie ging es aber immer weiter.

Es folgten ruhigere Jahre. Im Opel-Hecktriebler-Forum wurde das Projekt liebevoll „Der 12-Jahres-Plan“ genannt. Außer Thomas glaubte streckenweise niemand mehr so richtig an die Fertigstellung des Ascona 4.0. Doch dann sollte im Hause Nastke geheiratet werden.

Aber eine Hochzeit ohne den Ascona als Brautauto? Unvorstellbar. Mittlerweile war es 2009, und Thomas trommelte die alten Freunde zusammen – die zu dem Zeitpunkt alle schon Frontkratzer und Vernunftautos fuhren –, um das Projekt Ascona B 4.0i-24V zu Ende zu bringen. Man schraubte, lachte und trank Red Bull bis zum Abwinken.

Doch pünktlich zum 01. August kutschierte man den Ascona erst zum Standesamt – und danach in die Kneipe. Die Feier war legendär, der Ascona mittlerweile auch.

Von der Schrauberhalle zur Marke

Bis es aber soweit kam, war es ein langer Weg, der Schritt für Schritt konsequent gegangen wurde. Viele kleinere und größere Probleme mussten ab- und das Fahrwerk eingestellt werden. Irgendwann war alles perfekt. Der TÜV fand den Ascona auch super, und Thomas durfte die ersten Runden mit dem schwarzen Kennzeichen drehen.

Die Idee mit dem Zweisitzer und der 400er-Aluzelle war anno 1998 zwar toll – mittlerweile gab es aber mit der Angetrauten Nachwuchs im Doppelpack. Und beide Jungs dürfen heute abwechselnd mit Papa im Ascona driften.

Da das Hobby aber nach wie vor attraktiv ist und Thomas in den letzten knapp 20 Jahren sehr viel über die alten Opels gelernt hat, wurde der Wunsch groß, etwas Berufliches daraus zu machen. edelschmiede goes Company war einer der ersten Slogans – und alle Opel-Hecktriebler-Fahrer wussten gleich: Der Thomas Nastke steckt dahinter!

Ab 2011 gab es dann verschiedene Verschleiß-, Zubehör- und Tuningteile – zuerst via eBay, später dann im eigenen Webshop. Durch die ständige Konfrontation mit dem Thema wuchs Thomas' Liebe zum alten Blech sogar noch weiter. Der Beruf ist immer noch das größte Hobby, und irgendwie dreht sich alles um die edelschmiede und die alten Opel.

Heute ist Thomas einer der führenden Online-Teilehändler für alte Opel-Hecktriebler.

Das perfekte Zeitzeugnis

Die Neunziger liegen inzwischen weit über zwanzig Jahre zurück. Aus den Gebrauchtwagen von damals wurden gefragte Klassiker. Einem rostfreien Ersthandfahrzeug ungefragt die Bodengruppe herauszuflexen, würde in manchen Breitengraden einem Himmelfahrtskommando gleichen.

Doch Thomas hat seine Idee vom perfekten Ascona nie aufgegeben – und so ist der Wagen mit all seinen Gimmicks das perfekte Zeitzeugnis der frühen Neunziger geworden.

 

© OPEL CLASSIC GANG // Dieser Artikel ist erschienen im BLTZ Magazin #01 - 2023.